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22.11.2018 Eine Geschichtsstunde der ganz besonderen Art erlebten die zehnten Klassen der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in dieser Woche.

Wolfgang Lehmann besuchte die Rimbacher Haupt- und Realschule. Die Schülerinnen und Schüler hatten bereits im September das Konzentrationslager Flossenbürg besucht und zeigten sich dort so interessiert von der Zeit während und nach des Zweiten Weltkrieges, dass die Geschichtslehrer Matthias Ehlers und Timo Helwig-Thome den Jugendlichen ein Gespräch mit Lehmann ermöglichen wollten, noch mehr Informationen, diesmal auch persönlicher Art zu bekommen.

Lehmann schaffte es durch seine ruhige Art und seine lebendige Erzählweise binnen Sekunden, die Schülerinnen und Schüler in seinen Bann zu ziehen. Nachdem er zunächst erzählte, wie er erstmal nicht viel vom Krieg mitbekam, weil seine Heimat Brandenburg für die Kriegsstrategien uninteressant waren, bekamen die Zehntklässler dann schnell einen Eindruck von Erlebnissen, die zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs normal waren. Lehmanns Vater wurde trotz Invalidität eingezogen, was für den 15jährigen Jungen völlig überraschend kam, und er übertrug dem Jungen die Aufgabe, sich um seine beiden jüngeren Schwestern und seine schwangere Mutter zu kümmern. Lehmann hatte zu diesem Zeitpunkt gar nicht gewusst, dass die Mutter schwanger war. Bereits einen Monat später musste der Jugendliche im Dezember 1944 auf furchtbare Weise erwachsen werden, da sein neugeborener Bruder am Tag nach der Geburt verstarb und Lehmann bei der Beisetzung als einziger Zeuge anwesend sein musste. Auch die Nachricht, dass sein Vater als vermisst gelte, zwingt den Jugendlichen erwachsen zu werden. Bis heute weiß er nicht, was aus seinem Vater geworden war. Nach einem Bombenangriff, den Lehmann schwer verletzt überlebte und weiteren schrecklichen Erlebnissen, deren Geräusche Lehmann „noch heute hört“, wurde der jetzige Zeitzeuge verhaftet, weil er als Führer in der Hitlerjugend tätig war. Während Verhören in der damaligen Sowjetunion, so schilderte Lehmann, wurde er „körperlich und seelisch total gebrochen“, sodass er sich schließlich gezwungen sah, ein falsches Protokoll zu unterschreiben. Er wurde daraufhin in der Nähe von Cottbus inhaftiert. Auch die Haftzeit beschrieb Lehmann. Bei weiteren Verhören versuchte Lehmann, der heute vermutet, dass es sich um ein russisches Kriegsgericht handelt, zu erklären, dass er eine falsche Aussage unterschrieben hatte. Darauf folgte jedoch schlichtweg weitere Misshandlungen. Lehmann wurde schließlich in das Lager bei Fürstenwalde, das auf halber Strecke zwischen Berlin und der polnischen Grenze liegt, gebracht.

Auch aus diesem Lager erzählte Lehmann anschaulich und für die heutigen Jugendlichen beinahe unvorstellbar. Die Bedingungen, ob im Hinblick auf Nahrung, Schlafen oder Tagesablauf waren unmenschlich und führte zu betroffenen Gesichtern bei den Mädchen und Jungen. In einem strengen Winter fuhr eine Gruppe um Lehmann in Viehwaggons Richtung Osten, um im März 1947 in Mittelsibirien anzukommen. Im dortigen Arbeitslager bekam Lehmann zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ein eigenes Bett. Selbst nach so vielen Jahren, konnte man dem Mann ansehen, wie groß die Freude, über dieses für uns normale „Geschenk“ war. Durch Glück und nicht zuletzt sein handwerkliches Geschick schaffte es Lehmann, sich in dem Lager, in dem Holz verarbeitet wurde, hochzuarbeiten, sodass er schließlich sogar an der Kreissäge arbeiten durfte. Zusätzlich half er nach seiner Arbeit in der Küche aus. Auch hier schaffte es Lehmann, sich hochzuarbeiten und wurde schließlich sozusagen nebenbei Nachtkoch. Beziehungen zwischen den deutschen Häftlingen spielten immer wieder eine Rolle und dass die Freunde oder Weggefährten Lehmanns einen Namen bekamen, machte die Erzählungen für die Gruppe der DBS gut nachvollziehbar. Mehrere Monate schaffte es Lehmann mithilfe seines „Putzers“ nur morgens und abends zwei Stunden zu schlafen und dazwischen sowohl tagsüber als auch nachts im Sägewerk bzw. in der Küche zu arbeiten. Nach einem Lagerwechsel innerhalb der Sowjetunion war der Arbeitswille der deutschen Zwangsverpflichteten völlig verflogen, da die Männer zu diesem Zeitpunkt jede Hoffnung verloren hatten, jemals wieder nach Hause zu fahren. Aus Verzweiflung hatte Lehmann gemeinsam mit einem Freund bereits die Flucht für den Sommer 1950 geplant. Im April 1950 durfte Lehmann das Lager verlassen. Er durfte von seinem Lohn, Utensilien kaufen und neben Zigaretten, die der Nichtraucher kaufte, dachte er auch an eine Flasche Parfum für seine Mutter und Konfekt für seine Schwestern. Nach mehreren Tagen am Bahnhof, die die Männer wieder im Ungewissen verbringen mussten, konnte Lehmann endlich wieder nach Deutschland reisen. Mit seinen damals 21 Jahren startete Lehmann sozusagen ein neues Leben in Frankfurt an der Oder.

Durch kleine Anekdoten, die die Problematik seines damaligen Lebens verdeutlichten, schaffte es Lehmann, die Schülerinnen und Schüler durch die gesamten drei Stunden bei Aufmerksamkeit zu halten. Sei es seine Jugend während des Krieges oder das Leben unter den Zwangsverpflichteten, immer wieder erklärte Lehmann auch, wie groß die Unterschiede zwischen den damaligen und heutigen Lebensumständen sind. „Und wenn du in der größten Scheiße steckst, irgendetwas ziehst du immer raus…“, gab 89-Jährige den Schülerinnen und Schülern mit auf den Weg. Er habe seine Vergangenheit bewältigt und könne heute nur so darüber sprechen, weil er es immer wieder getan habe. Im Anschluss an Lehmanns Vortrag durften die Zehntklässler Fragen stellen, die Lehmann geduldig beantwortete. Motiviert beteiligten sich die Jugendlichen am Gespräch und nutzten die Gelegenheit, mehr über das Leben des Menschen Lehmann zu erfahren. Dieser antwortete sehr offen auf alle Fragen, die sich sowohl auf sein damaliges als auch sein heutiges Leben bezogen. Zum Abschluss bedankten sich Ehlers und Helwig-Thome bei Lehmann für die bewegenden Stunden, die überaus interessant waren und alle Beteiligten in „eine völlig andere Welt“ eintauchen ließ. Unter großem Applaus verabschiedeten sich die Schülerinnen und Schüler von Lehmann. is